14 Stunden und 1 Minute unter Hochspannung

Das Feuer im Klosterhof war alles andere als ein Pappenstiel - auch nicht für die rund 150 Einsatzkräfte. Die Tauberbischofsheimer Feuerwehr schilderte den FN den genauen Ablauf.

Noch nie waren bei einem Brand im Main-Tauber-Kreis vier Drehleitern gleichzeitig im Einsatz. Der Klosterhof bildet damit eine Premiere, auf die jeder gerne verzichtet hätte. Eine Minute nach 3 Uhr war dort am 6. November der Strom ausgefallen. Ein technischer Defekt im Verteilerkasten ist nach jetzigem Stand der Dinge die Ursache für den verheerenden Brand, der einen Millionenschaden anrichtete (wir berichteten). Die Doppelrahmen-Fenster hielten im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal "dicht" - das Feuer konnte in aller Ruhe entstehen. Ein Mann, der zufällig dort vorbeilief, bemerkte dann gegen 4 Uhr Rauch. Er informierte die Polizei, die Beamten setzten die Rettungsleitstelle in Kenntnis. Die Devise lautete zuerst "unklare Rauchentwicklung".

Sonntag, 6. November

 

4.17 Uhr: Die "kleine Schleife" der Feuerwehr-Abteilung Stadt wird alarmiert. "Unklare Rauchentwicklung", das ist das Feuerwehr-"Synonym" für einen kokelnden Mülleimer
4.21 Uhr: Bereits auf der Fahrt zum Feuerwehrgerätehaus sehen Kameraden Flammen. Sofort folgt der Alarm für die "große Schleife" der Abteilung Stadt. Außerdem werden die Abteilungen Dittigheim, Distelhausen, Dienstadt und der Löschzug der Bad Mergentheimer Wehr inklusive ihrer Drehleiter nach Tauberbischofsheim beordert.
4.24 Uhr: Die ersten Fahrzeuge der Abteilung Stadt treffen am Klosterhof ein. Der Herbstmarkt, der am Sonntag stattfinden soll, erweist sich als Glück: Der Marktplatz ist für den Krämermarkt leergeräumt worden. Die Feuerwehr kann sich ausbreiten - und zwar nach einem in Minutenschnelle ausgetüftelten Plan.

Die Rettungskräfte, die zuerst eintreffen, stehen besonders unter Druck. Eben hatten sie noch geschlafen, nun stehen sie vor einem brennenden Gebäude und müssen blitzschnell die Situation erfassen: Wo brennt es? Wohin kann sich das Feuer ausbreiten? Wo liegen die besonderen Gefahren? Und: Reicht die Zahl der bisher angeforderten Kameraden? Die nervliche Belastung der freiwilligen Feuerwehrleute ist immens.

Fünf Einsatzabschnitte werden gebildet: Klosterhof, Klostergasse, Wasserversorgung, Bereitstellungszelt und Rettungsdienst. Die Lage vor Ort: In mehreren Geschossen des Gebäudes brennt es, Rauch quillt aus dem Dachstuhl. Die Wehren beginnen mit der Brandbekämpfung. Ein Rädchen greift ins andere.

4.30 Uhr: Nachalarmierung für den Löschzug der Feuerwehr Lauda. Er wird gegen das Feuer kämpfen, das in den Dachstuhl über dem Klostercafé übergreift. Allein in der ersten Viertelstunde des Einsatzes meldet sich bei über 100 Feuerwehrleuten im Main-Tauber-Kreis der Piepser. Zeit zum Überlegen gibt es keine. Falscher Stolz nach dem Motto: "Das schaffen wir alleine!" kann lebensgefährlich sein.
4.35 Uhr: Eine neue Lagemeldung geht an die Leitstelle: Vollbrand erstes und zweites Obergeschoss. Mehrere Atemschutzgeräte-Trupps sind im Einsatz. Die Wehren Distelhausen und Dittigheim bauen eine Wasserversorgung von der Tauber aus auf.
4.45 Uhr: Nachalarm: Man fordert die Abteilung Dittwar, den Löschzug der Feuerwehr Hardheim mit einer weiteren Drehleiter sowie die Feuerwehr Werbach mit Atemschutzgeräte-Trägern an. Insgesamt werden 45 Atemschutzgeräte-Trupps im Einsatz sein, die gesundheitlich überwacht werden müssen. Zwei Kameraden bilden einen Trupp. Ein Trupp arbeitet 20 Minuten, bevor ihn der nächste ablöst. Die Ausrüstung wiegt etwa 17 Kilogramm.
 5.29 Uhr: Die Lage ist extrem brenzlig. Durch einen Schacht kann sich das Feuer leicht ausbreiten. Die Feuerwehrleute kämpfen gegen die Brandlast - im Gebäude ist massives Eichenholz verbaut, außerdem werden im Stadtarchiv viele Akten gelagert -, den dicken schwarzen Rauch und die wahnsinnige Hitze im Gebäude. Aluminium schmilzt bei 660 Grad Celsius. Eine Alu-Rampe im Gebäude ist total zusammengeschmolzen.

Teile des Dachstuhls, der Zwischendecken und -wände müssen geöffnet werden. Ein Einsatz wie dieser ist für die Kameraden, die im Inneren des Gebäudes arbeiten, lebensgefährlich. Die Einsatzleitung befürchtet ein Übergreifen des Feuers auf die nebenstehenden Gebäude, darunter auch die Lioba-Kirche. Die Weikersheimer Wehr wird mit ihrer Drehleiter nachalarmiert.

6.10 Uhr: Vier Drehleitern sind nun gleichzeitig im Einsatz, so viele wie noch nie im Main-Tauber-Kreis. Zusätzlich unterstützen fünf Trupps den "Angriff" im Gebäude. 120 Feuerwehrleute sind am Einsatzort. Dazu kommen noch mehrere DRK-Fahrzeuge mit rund 20 Rettungskräften, die Polizei sowie Wasserwerk, Bauhof und Energieversorger.
9.51 Uhr: Meldung an die Leitstelle: Der Brand ist unter Kontrolle. Die Kameraden suchen Glutnester und sind mit dem Nachlöschen beschäftigt.
11.40 Uhr: Die Brandmeldeanlage eines Seniorenheims in Tauberbischofsheim schlägt Alarm. Mitglieder der Feuerwehren Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim machen sich auf den Weg. Auslöser ist eine vergessene Mahlzeit auf einem Herd.
12.15 Uhr: Frische Kräfte werden nachalarmiert.
13.15 Uhr: Die Abteilungen Impfingen und Hochhausen werden nachbeordert. Der Grund: Es lodern noch viele Glutnester. Außerdem unterstützen Feuerwehrleute die Mitarbeiter der Stadtverwaltung bei der Räumung ihrer Büros. . Die ersten externen Kräfte dürfen die Heimfahrt antreten. Bei der Feuerwehr Tauberbischofsheim ist dagegen noch kein Feierabend in Sicht.

Beim Tauberbischofsheimer Herbstmarkt, der mittlerweile begonnen hat, freuen sich Passanten über die realitätsnahe "Übung" der Feuerwehr. Die Absperrbänder werden des Öfteren ignoriert. Folge: Die Wehr muss Kameraden postieren, die den Passanten das Darübersteigen untersagen.

16.28 Uhr: Meldung an die Leitstelle: Feuer gelöscht.
18.18 Uhr: Vorläufiges Einsatzende - 14 Stunden und eine Minute nach der ersten Alarmierung. Die meisten Feuerwehrleute, die noch ihre Schlafanzüge tragen, gehen nach einer ausgiebigen Dusche ins Bett. Am nächsten Tag ruft schließlich die Arbeit.

 Montag, 7. November

7.10 Uhr: Glutnester hinter Zwischenwänden und -decken machen eine Alarmierung zum Nachlöschen nötig.
9.40 Uhr: Einsatzende.

 

Quelle: Fränkische Nachrichten, Sabine Holroyd, http://www.fnweb.de/region/main-tauber/tauberbischofsheim-konigheim-werbach/14-stunden-und-eine-minute-unter-hochspannung-1.3100179?Page=2